Das Auge des
Herrn mästet das Vieh, aber …
… gelegentliches Nachrechnen schadet nicht
Der Ausschuss für Bedarfsnormen der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) hat neue Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung der Ziegen herausgegeben. Mit den
neuen Empfehlungen ergeben sich einige Änderungen im Hinblick auf die Rationsberechnung, die Dirk Wahl von der Landwirtschaftskammer Hannover im Folgenden erläutert.
1. Energiebewertung
Bisher wurde als Energiebewertungssystem für Ziegen die „Nettoenergie Laktation“ (NEL) angewendet. 2003 hat sich die GfE dafür entschieden, bei Ziegen künftig das System „Umsetzbare Energie“ = „Metabolisierbare Energie“ = ME anzuwenden.
Die Ableitung der ME aus der Gesamtenergie zeigt das folgende Schema:
Tabelle 1: Empfehlungen zur ME-Versorgung von Milchziegen in verschiedenen Leistungsstadien (MJ/Tag)
Lebendmasse (kg)
45
60
75
Güst bzw. trächtig
bis 4. Monat
ab 5. Monat
7,8
10,4
9,7
13,0
11,5
15,3Fettgehalt der Milch (%)
3,0
4,0
3,0
4,0
3,0
4,0
Milchleistung (kg/Tag)
1,0
12,2
12,8
14,1
14,7
15,9
16,5
2,0
16,6
17,8
18,5
19,7
20,3
21,5
3,0
21,0
22,8
22,9
24,7
24,7
26,5
4,0
25,4
27,8
27,3
29,7
29,1
31,5
5,0
31,7
34,7
33,5
36,5
6,0
37,9
41,5
2. Eiweißversorgung
Bisher wurde bei der Eiweißversorgung das „Rohprotein“ (XP) zugrunde gelegt. Stattdessen wird nun das „nutzbare Rohprotein“ (nXP) verwendet.
Der nXP-Gehalt eines Futtermittels gibt an, wie viel nutzbares Rohprotein am Dünndarm zu erwarten ist. nXP ist eine Schätzgröße und setzt sich aus dem Mikrobenprotein und dem im Pansen nicht abbaubaren Protein zusammen.
Tabelle 2: Empfehlung zur Versorgung von Milchziegen mit am Dünndarm nutzbarem Rohprotein (75 kg Lebendmasse; a = 3 % Fett und 2,5 % Protein in der Milch; B = 4 % Fett und 3,5 % Protein in der Milch)
Milch (kg/Tag)
Trockenmasseaufnahme (kg/Tag
nXP-Bedarf (g/Tag)
a
b
a
b
1,0
1,6
1,7
160
185
2,0
2,0
2,2
225
273
3,0
2,4
2,7
290
361
4,0
2,8
3,2
353
449
5,0
3,2
3,7
418
538
6,0
3,6
4,2
481
626
3. Mineralstoffe
In den bisherigen Tabellen wurde der Mengen- und Spurenelementbedarf in der Regel in g/Tier/Tag angegeben. Genauer ist sicherlich die Bindung an die Trockenmasse der Gesamtration. Die Werte in Tabelle 3 und 4 sind daher mit der aufgenommenen Trockenmasse (in kg) zu multiplizieren.
Tabelle 3: Erforderliche Konzentration von Mengenelementen in der Gesamtration von Milchziegen (g/kg Trockenmasse)
Calcium (Ca)
Phosphor (P)
Magnesium (Mg)
Natrium (Na)
Güst oder tragend
bis 4. Monat
ab 5. Monat
2,6
4,4
1,9
2,3
1,1
1,2
0,5
0,6Milchleistung (kg/Tag)
1,0
2,7
2,0
1,4
0,6
2,0
3,3
2,3
1,6
0,7
3,0
3,6
2,5
1,7
0,8
4,0
4,0
2,8
1,8
0,9
5,0
4,2
2,9
1,9
0,9
6,0
4,4
3,0
1,9
1,0
Tabelle 4: Empfohlene Konzentration von Spurenelementen in Rationen für Ziegen (mg/kg Trockenmasse)
Spurenelement
Empfohlene Konzentration
Mangan (Mn)
60-80
Zink (Zn)
50-80
Eisen (Fe)
40-50
Kupfer (Cu)
10-15
Kobalt (Co)
0,15-0,20
Selen (Se)
0,10-0,20
4. Zusammenfassung
Nachfolgende Tabelle fasst die vorstehenden Tabellen 1-3 zusammen
Tabelle 5: Täglicher Energie-, Nähr- und Mineralstoffbedarf von Milchziegen
(60-75 kg LG, 3,0 % Milchfettgehalt; nach GfE 2003)
Trockenmasse
(kg)Energie
(MJ ME)Eiweiß
nXP (g)Ca
(g)P
(g)Güst oder tragend
bis 4. Monat
ab 5. Monat
1,4
1,5
9,7
13,0
90
157
3,6
6,6
2,7
3,4Milchleistung (kg/Tag)
1,0
1,6
14,1
160
4,3
3,2
2,0
2,0
18,5
225
6,6
4,6
3,0
2,4
22,9
290
10,8
6,0
4,0
2,8
27,3
353
11,2
7,8
5,0
3,2
31,7
418
13,4
9,3
6,0
3,6
37,8
481
15,8
10,8
Die Rationsberechnung kann entweder herkömmlich per Hand auf einem entsprechenden Formular oder – weitaus komfortabler – mit Computerunterstützung erfolgen. Dafür ist die Anschaffung eines teuren EDV-Programmes nicht unbedingt erforderlich, eine einfache EXCEL-Tabelle tut es auch.
Erste Vergleichsberechnungen haben ergeben, dass die meisten Rationen mit dem neuen Verfahren etwas höher bewertet werden. So ergibt eine klassische Ration aus 1,7 kg Heu. 0,4 kg Hafer und 0,4 kg Gerste nach dem alten System eine rechnerische Milchleistung von 2,8 Litern und nach dem neuen System von ca. 3,3 Litern. Ob diese Werte in der praktischen Fütterung auch zu erreichen sind, muss letztendlich die Praxis zeigen.
Bei aller Rechnerei bis zu zwei Stellen hinter dem Komma sollte allerdings eines nicht vergessen werden:
Die drei Rationen der Ziege!
1. Die errechnete Ration
Wie oben beschrieben wird eine Ration anhand von Tabellenwerten, oder besser noch nach Untersuchungsergebnissen, errechnet.
2. Die gefütterte Ration
Wenn sich die errechnete Ration nicht in der Milchkanne wieder findet, sollte überlegt werden, ob denn die errechnete Ration auch tatsächlich gefüttert wurde. Das bedeutet, dass die einzelnen Komponenten gelegentlich nachgewogen werden sollten. Hand auf´s Herz: Wer weiß schon wirklich, wie viel Getreide sich tatsächlich in der Konservendose oder in dem Eimer befindet, mit dem täglich das Getreide vorgelegt wird?
3. Die gefressene Ration
Trotz Nachwiegen klafft immer noch eine bedeutende Lücke zwischen gefütterter Ration und der tatsächlichen Milchleistung? Bei der Rationsberechnung wird davon ausgegangen, dass das angebotene Futter komplett gefressen und verdaut wird. In der Realität sieht es aber so aus, dass vom Kraftfutter meistens alles aufgenommen wird, vom Heu aber mit Sicherheit nicht. Hier bleibt immer ein gewisser Rest in der Raufe zurück oder landet in der Einstreu. Die darin enthaltenen Nährstoffe stehen damit nicht für die Leistung zur Verfügung. Von Zeit zu Zeit sollten daher die nicht gefressenen Reste nachgewogen und bei der Rationsberechnung berücksichtigt werden.
Hinweise und Überlegungen zur Rationsgestaltung für Milch- und Fleischziegen
Es gilt die dreistufige Fütterung: Grundfutter - Ausgleichsfutter - Leistungsfutter.
Die Trockenmasseaufnahme soll zwischen 1,5 und 2,5 kg liegen (bei sehr hohen Leistungen möglichst höher). Davon sollen mindestens 60 % aus dem Grundfutter kommen.
Zur Pansenfunktion und optimalen Milchfettbildung benötigt die Milchziege Rohfaser. Strukturierte Rohfaser gewährleistet eine gute Speichelproduktion, die den optimalen pH-Wert (ca. 6 bis 6,5) im Pansen sichert. Der Rohfasergehalt in der Trockenmasse der Gesamtration soll 18 %, davon 12 % aus strukturierter Rohfaser (z. B. Heu, Anwelksilage), nicht unterschreiten.
Der Energiebedarf ist entsprechend der Leistung zu decken. Energiemangel führt zur Proteinunterversorgung. Mit steigender Leistung muss die Energiekonzentration im Futter zunehmen, da die T-Aufnahme begrenzt ist.
Die Rohproteinversorgung ist entsprechend der Leistung vorzunehmen. Eine längerfristige und wesentliche Über- oder Unterversorgung mit Rohprotein ist zu vermeiden. Ein Ausgleichsfutter kann einen Rohproteinüberschuss im Grundfutter weitgehend abbauen.
Der Mineral- und Wirkstoffbedarf ist durch ein zum Grundfutter passendes Mineralfutter zu decken.
Das Milchleistungsfutter muss in Energie, Protein, und Mineralstoffen ausgeglichen sein. Kraftfuttermengen von über 1 kg je Tier und Tag sind auf mehr als zwei Einzelgaben zu verteilen.
Dirk Wahl, Landwirtschaftskammer Hannover